„Finanzen“, Ausgabe September 2002
Geld & Leben
Sie sind typische Kinder unserer Zeit, Dienstleistungsexperten par excellence: Personal Trainers. Benannt nach ihren Standeskollegen aus Amerika, handelt es sich dabei keineswegs um Personalberater. Vielmehr bieten Personal Trainers – auf deutsch: Ihre-Ganz-Persönlichen-Fitness-Peitscher – gestressten Zeitgenossen mit Termin- und Zeitnot eine wichtige Lebenshilfe.
Zum einen kreieren sie ein Fitnessprogramm, das auf die individuellen Bedürfnisse eines Menschen – Sofakartoffel hier, Olymp-Athlet dort – zugeschnitten ist. Zum anderen bieten sie eine Motivationshilfe, wenn der innere Schweinehund dem Training lieber eine Absage erteilen würde. Faule Ausreden (“die Sonne scheint nicht hell genug”) haben keine Chance mehr. Zudem ermöglichen die Fitness-Gurus ein hohes Maß an Flexibilität. Ob zu Hause, im Büro oder im Hotel - Ihr Einpeitscher reist mit einer Tasche voll kiemer, gemeiner Foltergeräte an und los geht's.
Ein schöneres Erlebnis als auf der Jogger-Strecke im Park oder im Fitness-Club? Wir wollten wissen, was dran ist am Nimbus des persönlichen Muntermachers. Hält er – hält sie? –, was Stundenhonorare ab 70 Euro versprechen? Den Kunden individuell zu führen, zu trainieren, zu motivieren? Körperlich fit zum beruflichen Erfolg.
Der Gedanke, dass unser Trainer am Englischen Garten warten würde, hat uns beiden - die FINANZEN-Redakteurinnen Mariella Bauer und Jutta Perkmann wurden ins Trainingslager abkommandiert - das frühe Aufstehen jedenfalls erleichtert. Da steht er dann wie bestellt: Joe Albersinger, Personal Trainer beim Münchner Unternehmen Healthperformance. Hobby: Triathlon. Praktisch. So kann er nicht nur Mananger fit machen, sondern sogar die Fittesten unter ihnen zu Höchstleistungen anspornen.
Und uns Durchschnittliche. Mit ruhiger Stimme gibt Albersinger, 36, Anweisungen. “Beide Arme in die Höhe. Einatmen. Zur rechten Seite strecken. Ausatmen. Und zur Mitte. Einatmen und zur linken Seite strecken. Ausatmen.” Ohmm. Gut macht er das, der Körper macht, der Geist hört zu denken auf. Nach leichten Warm-ups, Lockerungs-, Stretch- und Atemübungen “joggen wir ein bisschen, um wacher zu werden”. Ein wenig Stretch, ein wenig Push -dem Fitness-Coach kann keine faule Haut entkommen: Der Personal Trainer sorgt für willige Disziplin und ausgewogenes Training.
Albersinger ist nach eigener Einschätzung Spezialist “für Stimmungen und Wünsche” seiner Kunden, er fühlt aufkommende Trägheit quasi noch vor seinem Klienten. Mit breitem Grinsen fügt er hinzu: “Will einer die Hanteln nehmen?” Der Mann hat Nerven. Und doch: Es muss an seinem gebetsmühlenartigen “Einszweidrei vier-Atmen” liegen, dass unser anfänglich mühsam-schleppendes Traben in leichtfüßiges Laufen übergeht. Dass es Spaß macht, dem eigenen Atmen zu lauschen.
“Die Leute brauchen jemanden, der sie an die Hand nimmt”, bestätigt auch Kirsten Busch, Sportwissenschaftlerin und Personal Trainerin, diese Erfahrung. Buschs Kunden, vor allem Manager, “delegieren ihre körperliche Fitness, ihre Gesundheit” in ihre Hände. Für mehr Fitness und weniger Pfunde.
Mit welchen Problemen kommen die Leute? Die meisten wollen ihre Grundfitness verbessern, ihr Gewicht reduzieren oder bestimmte Problemzonen auftrainieren. Doch am Anfang steht stets ein gründlicher Gesundheits-Check, um ein effizientes und angemessenes Training zu ermöglichen. Dazu gehören beispielsweise die Messung des Lungenvolumens, eine Körperfettanalyse, ein Ernährungsplan, ein Laktattest zur Feststellung der optimalen Herzfrequenz und Koordinationstests.
Ganz schön aufwendig. Aber auch notwendig? Ja, sagt Busch, denn nur so könne man möglichst effizient und individuell die Belastungsgrenzen des Einzelnen herausfinden und die passenden Übungsprogrammezusammenstellen. “Lüpfen Sie mal kurz ihr T-Shirt, dann kann ich den Herzfrequenz-Messer anbringen” sagt sie und überprüft dann beim Walken, ob der Puls rast oder in der optimalen Fett-Verbrennungs-Frequenz liegt. Zwar verfällt man beim schnellen Gehen und gleichzeitigem Reden rasch der Luftknappheit. Doch - Erfolg! - “Ihr Puls liegt in der optimalen Frequenz”, konstatiert Busch. Beruhigend.
Rund 45 000 Personal Trainer sind den USA aktiv, in Deutschland zählt der Bundesverband der Persnal Trainer lediglich 500 Kollegen. Die amerikanischen Verhältnisse würden hier zu Lande nie eintreten, sagt Eginhard Kieß, Gründer des Personal Trainer Networks. “Doch ich sehe großes Wachstumspotenzial.”
Zum Beispiel bei Zeitgenossen wie Claus Trebert, Geschäftsführer des Münchner Unternehmens b&b Brand- und Bausanierung. “Allein komme ich nicht aus den Schuhen”, begründet er seine Begeisterung für das Personal Training. Seit zwei Jahren lässt sich der Manager durchschnittlich zwei Mal die Woche persönlich trainieren. Ein Fitness-Center, mit “all den schwitzenden Menschen” um ihn herum komme für ihn nicht in Frage. Trebert ist vom Vorteil des maßgescheiderten Trainings und der Korrelation mit beruflicher Leistungsfähigkeit so überzeugt. So überzeugt, dass er allen leitenden Angestellten seines Unternehmens diesen Service anbietet - auf Kosten des Hauses, versteht sich.
Doch damit ein Training erfolgreich verläuft, muss die Chemie zwischen Fitmacher und Trainings-Suchendem stimmen. Schließlich kommen sich Coach und Kunde nahe. Bei Kräftigungsübungen wird Hand angelegt, um spürbar zu zeigen, dass der Rücken noch nicht in ganzer Länge am Boden klebt oder in welcher Bauchpartie die Atembewegung stattfinden sollte. Und natürlich kommt dem Coach auch eine kontrollierende Lehrerfunktion zu: Schaffe ich in einem Monat 20 Sit-ups? Habe ich mich körperlich gesteigert? War ich gut?”
Seelentröstung also? “Nein”, sagt Busch. Doch es ergebe sich eine nahe Beziehung. Der Coach sei eine Mischung aus “Fitness-Trainer, Motivator und Psychologe”. Morgens um halb sieben könne er allein aus der Stimmlage des Kunden heraushören, so Albersinger, “ob es gestern ein schwieriger Tag war oder ob die Nacht wieder mit endlosen Sitzungen zugebracht wurde”.
Kein Schweiß-Blut-Tränen also, kein forsch-ehrgeiziges Muskelstählen. Sondern vielmehr haben vorsichtiges Annähern und behutsames Eingehen auf die individuelle körperliche Konstitution der Kunden oberste Priorität. “Man muss schon merken, wie weit man powern, fordern kann”, sagt Albersinger. “Man muss aber auch wissen, wann es zu viel ist.”
Bei uns Trainings-Testem scheint noch Potenzial vorhanden. Wir gehen “nun in die Kräftigung”, lässt uns Albersinger wissen und legt die Gymnastikmatte auf den in der Morgensonne leicht dampfenden Rasen. “Wer will anfangen?” grinst er. Also hinlegen, Arme hinter dem Kopf verschränken, dabei darauf achten, dass die Ellenbogen hinten bleiben. Den Kopf nach oben. Die Beine schräg nach oben strecken. Und nun das eine Bein anwinkeln. “Spüren Sie, wie es im Bauch zieht?” Jawoll, mein Herr, das ist zu spüren, und wie. Und nun wechseln. Das eine Bein ausstrecken. Das andere ausstrecken. “Gut so”, spornt Albersinger an, während sich Schweißperlen in der Halsbeuge sammeln. Und nahezu alle Muskeln am Körper eindeutig zu spüren sind.
“Wenn die Kunden es wieder gelernt haben, wie schön es ist, den Körper zu spüren, Energie zu haben, dann machen sie ihr Training selbst”, sagt Busch. Dann werde der Personal Trainer eines Tages überflüssig. Wie lange das dauert? “Meist zwei Jahre”, sagt die Trainerin. Macht bei zwei Stunden in der Woche annähernd 20.000 Euro.